Internationaler Freimaurerorden für alle Menschen Österreich

LE DROIT HUMAIN

DAS MENSCHENRECHT

▩ ▩ ▩ Rundgang durch die Erinnerungsgalerie ▩ ▩ ▩

Galerie der Erinnerung

Johanna Kampmann-Freund

Johanna Kampmann

Johanna Kampmann-Freund, geborene Freund, erblickte am 25. März 1888 in Wien das Licht der Welt. Ihr Vater Moriz Freund (1847-1911), war jüdischer Herkunft, Kaufmann und später Beamter. Er wanderte aus dem mährischen Nikolsburg/Mikulov nach Wien zu. Ihre Mutter Esther Anna Thetter (1851-?) konvertierte anlässlich ihrer Hochzeit 1881 zum Judentum. Johanna hatte einen älteren Bruder, Oskar Freund (1885-1941) und eine jüngere Schwester, Pauline Lange-Freund (1892-?), die später den Nachlass von Johanna Kampmann-Freund verwaltete. Allen drei Kindern wurde eine fundierte und den Begabungen entsprechende Ausbildung ermöglicht. Oskar Freund konnte als Professor an der Handelsakademie Karriere machen, avancierte schließlich zum Landesschulinspektor in Wien und engagierte sich als Autor und Vortragender im Bildungswesen . Sein Buch „Sieben Sternennächte, eine illustrierte Himmelskunde“ stellt bis heute eine gefragte Einführung in die Astronomie dar, die er mit beachtlichen Illustrationen versah.

Die Eltern erkannten früh das künstlerische Talent ihrer Tochter Johanna und ermöglichten ihr eine professionelle Ausbildung. In der Donaumonarchie stellte dies für Frauen bis nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ein schwieriges und vor allem kostspieliges Unterfangen dar. Frauen war in Wien um 1900 der Zugang zu höherer Bildung weitgehend verwehrt. Vertreterinnen der Frauenbewegung, wie Rosa Mayreder, Marianne Hainisch oder Marie Lang, setzten sich für ihre Zulassung an die Universitäten ein, sodass beispielsweise ab 1900 die ersten Frauen Medizin studieren konnten. Der Zutritt an die Akademie der bildenden Künste war Frauen jedoch noch bis 1920 verwehrt, was die Professoren der Institution nicht davon abhielt, Studentinnen in einem für diese kostspieligen Privatunterricht zu schulen. Um Mädchen eine Kunstausbildung zu ermöglichen, gründete der Bildhauer Franz Pönninger (1832-1906) bereits 1874 die „Allgemeine Zeichenschule für Frauen und Mädchen“, die zur Grundlage für zahlreiche, später erfolgreiche Malerinnen in Wien wurde und bis 1907 bestand. Johanna Kampmann besuchte diese von 1903 bis 1904. Von 1904 bis 1908 war sie Schülerin der „Kunstschule für Mädchen und Frauen“, die 1897 auf Initiative der Malerinnen Olga Prager (1872-1930), Tina Blau (1845-1916) und Rosa Mayreder (1858-1938) entstanden war (ab 1926 „Frauenakademie“ genannt). Auch in München hatten sich Künstlerinnen zusammengeschlossen, um Frauen ein professionelles Kunststudium zu ermöglichen. Sie gründeten den „Münchner Künstlerinnenverein“ und eröffneten bereits 1884 mit der „Damenakademie“ eine Ausbildungsstätte für Frauen. Unterrichtet wurden die Künstlerinnen von Professoren der Münchner Akademie, was die Damenakademie zu einer gefragten Kunstschule mit gutem Ruf machte. Hier studierte Johanna Kampmann-Freund schließlich von 1908 bis 1910 bei Prof. Heinrich Knirr.

Nach ihrem erfolgreich abgeschlossenen Kunststudium kehrte Johanna Kampmann-Freund 1910 nach Wien zurück und engagierte sich in der hier gerade neu gegründeten „Vereinigung bildender Künstlerinnen“ VBKÖ, deren Mitglied sie wurde. Die Vereinigung besaß für die Autonomie und Selbstbestimmung der Künstlerinnen Pionierstatus. Sie betrieb Lobbyarbeit und vertrat ihre Interessen. Jedes Jahr wurde eine repräsentative Großschau der Mitglieder organisiert. Die Gründungsausstellung „Die Kunst der Frau“ in der Wiener Secession sollte ein dezidiert feministisches Statement darstellen. Die Künstlerinnenvereinigung gestaltete von nun an nachhaltig die Kunstlandschaft der Donaumetropole mit. Johanna Kampmann-Freunds Werke spiegeln die kulturelle Lebendigkeit des Fin de Siècle und jene der 1920er Jahre wider und gleichzeitig verdeutlichen sie die Hindernisse, mit denen Künstlerinnen konfrontiert waren. Sie experimentierte mit verschiedenen Techniken und verfeinerte ihre Fähigkeit, subtile menschliche Mimik und architektonische Details einzufangen.

Von Johanna Kampmann-Freund existiert zwischen 1910 und 1936 eine erfolgreiche und sehr intensive Ausstellungspraxis, die auch gut dokumentiert ist. Sie beteiligte sich an sämtlichen Veranstaltungen der VBKÖ, schloss sich in den 1920er Jahren avantgardistischen Kreisen an und wurde Gründungsmitglied der „Wiener Frauenkunst“, Diese entstand 1926 durch den modernistischen Flügel der VBKÖ, um Expressionismus und angewandte Kunst zu fördern. Johanna Kampmann-Freund zeigte ihre Werke bei der Eröffnungsausstellung 1927 sowie 1929 bei der zweiten Schau „Bild im Raum“. Diese verband innovativ Malerei mit Dekorationselementen und propagierte so den funktionalen Modernismus.

Die „Wiener Frauenkunst“ begann sich früh mit sozialkritischen Themen auseinanderzusetzen und politisch zu engagieren. Johanna Kampmann–Freunds Arbeiten erregten Aufsehen und beeindruckten das Publikum Zeitungsrezensionen geben einen Einblick in die Reaktionen auf die Kunstwerke der Künstlerin. So schrieb man 1912: „Da fesselt uns zunächst ein in kräftigen breiten Strichen hingesetztes Ölbild „Der Fechter“. Famos gemacht. Alle Achtung. Hier ist außerdem auch noch eine stark in Wirkung gesetzte Radierung „Bauern als Zuschauer“ zu sehen. Eine solche Beherrschung des ganzen Gebietes und solche Sicherheit im Kleinen wie im Großen flößen Respekt ein.“ . „Wohl zu den stärksten Talenten der Vereinigung zählt Johanna Kampmann.“ Und in einem Portrait, das 1928 der Künstlerin gewidmet wurde, schrieb die Autorin: „Großer Wille, großes Gefühl, große Form sind der Künstlerin eigen.“

1913 trat Johanna Kampmann-Freund außerdem dem Österreichischen Künstlerbund bei. Von 1920 findet man sie bis 1925 als korrespondierendes, von 1925/26 als außerordentliches Mitglied im Hagenbund, der Frauen eine ordentliche Mitgliedschaft verwehrte. Sie zählte damit zu den wenigen weiblichen Kunstschaffenden Wiens, die eine Einladung zur Mitgliedschaft erhielten.

Die Künstlervereinigung Hagenbund war 1900 als Reaktion auf den Konservativismus des Künstlerhauses entstanden und entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einer Plattform für junge, zeitgenössische Kunst und damit zu einer radikalen Moderne, die sich durch Weltoffenheit, Innovation und Vielfalt auszeichnete. Bereits 1919 debütierte Johanna Kampmann-Freund im Hagenbund anlässlich der bedeutenden Ausstellung in der Wiener Secession. Sie unterstrich damit ihre Verbundenheit mit den progressiven Wiener Bewegungen, in denen sie Themen des städtischen Lebens und der Porträtmalerei erforschte und die soziale Dynamik der Epoche einfing. Diese Kunstplattformen bestätigten nicht nur ihre grafischen und malerischen Arbeiten, sondern positionierten sie auch als Vorreiterin im Kampf für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an der österreichischen Kunstszene der 1910er und 1930er Jahre.

Die zahlreichen Ausstellungen, in denen Johanna Kampmann-Freund mit großformatigen expressiven Ölbildern sowie mit Portraitminiaturen aus Elfenbein, „feinsinnigen Zeichnungen voll herber Poesie“ , und kunstvollen Radierungen ihr Talent unter Beweis stellte, integrierten sie noch stärker in die Avantgarde-Kreise der Stadt. Insgesamt festigten sie ihren wesentlichen Beitrag zur Kunstszene der Zwischenkriegszeit. Den Höhepunkt ihrer Karriere markierte 1927 die Verleihung des Österreichischen Staatspreis, den sie als erste Frau für ihr Bild „Hagar“ erhielt. Diese prestigeträchtige Auszeichnung, die herausragende Beiträge zur österreichischen bildenden Kunst würdigte, markierte einen Durchbruch für Frauen in einem historisch den Männern vorbehaltenen Bereich und spiegelte die allmähliche institutionelle Anerkennung von Künstlerinnen während der Ersten Republik wider.

Privates Glück war der engagierten Künstlerin nur sehr kurz vergönnt. Sie heiratete 1916 den fast 20 Jahre älteren Oberstleutnant Karl Kampmann (1869–1923). Er war der Sohn des bekannten Fachschriftstellers, Erfinders und Lehrers an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien Carl Kampmann (1847–1913). Das Paar lebte in Linz und teilte ein soziales und politisches Engagement. Oberst Kampmann war nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg der Sozialdemokratischen Partei beigetreten, wurde zum Vorsitzenden des Bezirksarbeiterrates Vöklabruck gewählt und engagierte sich vor allem in der sozialistischen Bildungsbewegung. So hatte er u.a. in den Kasernen humanistisch aufklärende Vorträge gehalten, was ihn zum vom Heeresministerium unerwünschten Vorbild für die jungen Soldaten machte. Eine Zeichnung, mit der Johanna ihren Ehemann portraitierte, zeugt von einem tiefem Verständnis der beiden zu einander. Hoch angesehen wurde seine Menschlichkeit in einem Nachruf ausdrücklich gewürdigt.

Auch Johanna Kampmann-Freund hatte sich früh sozial zu engagieren begonnen. Sie war bereits 1913 dem ersten Unterstützungsverein „Frauenhort“ beigetreten und setzte sich für Frauenbildung und feministische Themen ein. 1927 trat sie darüber hinaus als Freimaurerin der gemischten Loge Vertrauen des österreichischen Le Droit Humain bei.

Nach dem Tod ihres Mannes 1923 verlegte sie ihren Wohnsitz von Linz nach Wien. Ihr Atelier in der Stelzhammergasse 4 im 3. Gemeindebezirk hatte ihr bereits seit 1912 eine professionelle Arbeitsatmosphäre ermöglicht. Trotz ihrer regen Ausstellungstätigkeiten und der öffentlichen Ehrung als Künstlerin entwickelte sich ihre finanzielle Situation Mitte der 1930er Jahre zunehmend angespannt. Sie war gezwungen, halbtags als Zahntechnikerin zu arbeiten. Auf die schwierige Lage als Künstlerin ging 1936 eine Journalistin in ihrer Ausstellungsbesprechung ein als sie schrieb: Johanna Kampmann zeigt in ihren großen graphischen Blättern die kraftvoll gesammelte Begabung und Vertiefung, die wir alle an ihr schätzen. Es wäre eine wertvolle Aufgabe für Kunstfreunde, dieser Frau die materielle Möglichkeit zu geben, ihre Kräfte auf eine große Aufgabe zu konzentrieren.

1939 wurde Johanna Kampmann Freund von den Nationalsozialisten als „Mischling 1. Grades“ eingestuft und erhielt Berufsverbot. Sie wurde von allen professionellen künstlerischen Tätigkeiten, einschließlich des Unterrichtens, ausgeschlossen, was ihr Werk in ihren letzten Lebensjahren effektiv zum Schweigen brachte. Am 1. Juni 1940 verstarb die begabte Künstlerin, deren beeindruckendes Lebenswerk auf eine adäquate Würdigung wartet.



Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich

Link: Johanna Kampmann-Freund auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI

zurück zur Galerie der Erinnerung